Belastung

Die Verteilung der arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster als Ergebnisse der Kategorie Belastung erleben.


Ergebnisse der Kategorie: Belastung erleben und bewältigen

Die Verteilung der arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster

Der AVEM ist ein persönlichkeitsdiagnostischer Fragebogen von Schaarschmidt und Fischer (1996). Clusteranalysen der Autoren mit diesem Instrument haben gezeigt, dass grundsätzlich zwischen 4 typischen Mustern arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens unterschieden werden kann. Diese Unterscheidung ist insbesondere unter dem Aspekt der Gesundheit von Bedeutung. Der Beruf einer Lehrerin oder eines Lehrers gehört zu den Tätigkeitsbereichen mit stärkeren psychosozialen Beanspruchungen. Bestimmte Varianten der Nutzung von Bewältigungsmechanismen bzw. –ressourcen, die in den 11 Skalen des AVEM erhoben werden, können gut belegte Hinweise auf gesundheitsförderliches bzw. –hinderliches Verhalten geben.

Die Auswertung lässt Rückschlüsse auf ein mögliches Risikoverhalten zu und bietet somit die Möglichkeit, durch gezielte Veränderungen rechtzeitig psychischen oder physischen Gesundheitsbeschwerden vorzubeugen.

In der obigen Abbildung sind die vier unterschiedenen Typen in ihrer reinen Form dargestellt. Nur ca. 20% der vorgefundenen Erlebens- und Verhaltensmuster können mit einer Wahrscheinlichkeit von über 95% einem dieser vier Typen tatsächlich so eindeutig zugeordnet und somit zu den reinen Typen gezählt werden. Dementsprechend häufiger ist mit solchen Profilen zu rechnen, die nur mit einer bestimmten prozentualen Wahrscheinlichkeit einem oder mehreren der 4 Muster zugeordnet werden können.

Die Beschreibung der 4 „reinen“ Muster im Folgenden ist dem Artikel „Beanspruchungsmuster im Lehrerberuf“ v. U. Schaarschmidt, U. Kieschke, A. W. Fischer (1999) entnommen.

Muster G

Dieses Muster ist Ausdruck von Gesundheit und Hinweis auf ein gesundheitsförderliches Verhältnis gegenüber der Arbeit. Wir finden deutliche, doch nicht exzessive Ausprägungen in den Dimensionen, die das Engagement gegenüber der Arbeit anzeigen. Am stärksten ausgeprägt ist der berufliche Ehrgeiz, während in der subjektiven Bedeutsamkeit der Arbeit und der Verausgabungsbereitschaft zwar hohe, aber nicht die höchsten Werte vorliegen. Hervorzuheben ist weiterhin die trotz stärkeren Engagements erhaltene Distanzierungsfähigkeit. Auch in den Dimensionen, die die Widerstandsfähigkeit und das Bewältigungsverhalten gegenüber Belastungen beschreiben, entsprechen die vorgefundenen Werte den Erwartungen. Das betrifft sowohl die geringste Ausprägung in der Resignationstendenz gegenüber Misserfolgen als auch die stärkste in der offensiven Problembewältigung und der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit. Das Bild vervollständigt sich schließlich durch die ausnahmslos höchsten Werte in den Dimensionen, die positive Emotionen zum Ausdruck bringen, d.h. im beruflichen Erfolgsleben, der Lebenszufriedenheit und dem Erleben sozialer Unterstützung.

Muster S

Mit der Musterbezeichnung S wird auf Schonung hingewiesen, die in diesem Fall das Verhältnis gegenüber der Arbeit charakterisiert. Es finden sich die geringsten Ausprägungen in der Bedeutsamkeit der Arbeit, dem beruflichen Ehrgeiz, der Verausgabungsbereitschaft und dem Perfektionsstreben. Hier fügt sich auch die im Vergleich mit allen anderen Mustern am stärksten ausgeprägte Distanzierungsfähigkeit ein. Hervorzuheben ist die geringe Resignationstendenz, die darauf hinweist, dass das verringerte Engagement nicht als Ausdruck einer resignativen Einstellung gewertet werden darf. Die weiteren Werte, insbesondere die relativ hohen Ausprägungen in der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit, der Lebenszufriedenheit und dem Erleben sozialer Unterstützung, zeigen ein insgesamt positives Lebensgefühl an. Zur Schonung kommt somit noch (relative) Zufriedenheit als wesentliches Kennzeichen dieses Musters. Die Quelle der Zufriedenheit dürfte dabei vorwiegend außerhalb der Arbeit zu suchen sein. Generell sollte dieses Muster weniger unter dem Aspekt der Gesundheit, sondern eher unter dem der Arbeitsmotivation von Interesse sein.

Risikomuster A

Dieses Muster ist durch erhöhtes Engagement gekennzeichnet. Im Vergleich mit allen anderen Mustern liegen hier die stärksten Ausprägungen in der Bedeutsamkeit der Arbeit, der Verausgabungsbereitschaft und dem Perfektionsstreben vor.

Bemerkenswert ist v.a. der eindeutig niedrigste Wert in der Distanzierungsfähigkeit, womit angezeigt wird, dass es Personen dieses Profils am schwersten fällt, Abstand zu den Problemen von Arbeit und Beruf zu gewinnen. Hervorhebenswert ist weiterhin, dass das außerordentlich starke Engagement mit verminderter Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen einhergeht, worauf die geringe Ausprägung in der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit und der relativ hohe Wert in der Resignationstendenz verweisen. Darüber hinaus ist es von eher negativen Emotionen begleitet. Darauf lassen die relativ geringen Werte in der Lebenszufriedenheit und im Erleben sozialer Unterstützung schließen. Insgesamt ist das Bild also dadurch charakterisiert, dass hohe Anstrengung keine positive emotionale Entsprechung findet. Es geht hier im Grunde um den Widerspruch, den Siegrist (1991) als „Gratifikationskrise“ bezeichnet. Sein Kennzeichen ist die Kombination von großem Arbeitseinsatz und ausbleibendem Erleben von Anerkennung, wovon stärkere pathogene Wirkungen, u.a. ein Herz-Kreislauf-Risiko, auszugehen scheinen.

Risikomuster B

Zum Bild des Risikomusters B gehören zunächst geringe Ausprägungen in den Dimensionen des Arbeitsengagements, insbesondere in der subjektiven Bedeutsamkeit der Arbeit und im beruflichen Ehrgeiz. In dieser Hinsicht bestehen Gemeinsamkeiten mit dem Muster S. Im Unterschied zu S geht das verminderte Engagement jedoch nicht mit erhöhter, sondern mit eingeschränkter Distanzierungsfähigkeit einher.

Auch alle weiteren Merkmale zeigen im Vergleich mit dem Muster S überwiegend gegensätzliche Ausprägungen. In den Dimensionen, die die Widerstandsfähigkeit und das Bewältigungsverhalten gegenüber belastenden Situationen anzeigen, finden wir mit der höchsten Resignationstendenz sowie der geringsten Ausprägung in der offensiven Problembewältigung und der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit besonders kritische Werte vor. Als ebenso problematisch sind die durchweg niedrigsten Ausprägungen in all den Dimensionen zu sehen, die das Ausmaß von Zufriedenheit und Wohlbefinden wiedergeben., d.h. im beruflichen Erfolgserleben, der Lebenszufriedenheit und im Erleben sozialer Unterstützung. Generell ist dieses Bild durch vorherrschende Resignation, Motivationseinschränkung, herabgesetzte Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen und negative Emotionen gekennzeichnet. Solche Erscheinungen zählen Freudenberger (1974), Maslach (1982) u.a. zum Kern des Burnout-Syndroms.

Die Auswertung des AVEM ließ zum Einen erkennen, inwieweit die Verteilung der Ergebnisse des Kollegiums auf die 4 AVEM - Muster der durchschnittlichen Verteilung von bereits durch Schaarschmidt untersuchten Lehrkräften in Baden-Württemberg entspricht. Des Weiteren erhielt jede teilnehmende Lehrkraft ein persönliches AVEM-Profil sowie die Möglichkeit, dieses im persönlichen Gespräch auszuwerten.

Insgesamt sind die prozentual zugeordneten AVEM-Muster zu 55% den gesundheitsbeeinträchtigenden Risikotypen zuzurechnen. Es ist in diesem Kollegium demnach sehr viel mehr Handlungsbedarf auf dem Gebiet der besseren Bewältigung von Beanspruchungen als auf motivationaler Ebene. Der S-Typ, dessen Arbeitsengagement sich in der Schule eher begrenzt hält, liegt prozentual unter dem Landesdurchschnitt. Der G-Typ liegt über dem Landesdurchschnitt und macht über 1/5 des Kollegiums aus. 8 Kollegen gelingt es nach diesem Ergebnis, die Alltagsanforderungen engagiert und gesundheitsförderlich zu bewältigen.

Reine Zuordnung

7 von 38 Kollegen konnten als reine Typen gewertet werden. Das sind ca. 18% des Kollegiums. Diese 7 reinen Typen konnten nur 2 AVEM-Mustern zugeordnet werden. 5 Kollegen waren dem reinen B-Typ und 2 dem reinen S-Typ zuzuordnen. Der relativ hohe Anteil reiner B-Typen ist ein weiterer Hinweis auf den deutlich (zu) hohen Anteil von B-Typen in diesem Kollegium.

Das Belastungserleben bzgl. best. Arbeitsbedingungen

Es fällt auf, dass es trotz des hohen Risikomusteranteils in der AVEM-Verteilung nur eine unterdurchschnittlich empfundene Belastung durch den eigenen Gesundheitszustand gibt. Gleichzeitig wird die Lehrertätigkeit an sich leicht über dem Durchschnitt liegend als belastend empfunden. Das heißt, hier ist im präventiven Sinne noch Einiges an gesundheitsrelevanter Überzeugungsarbeit zu leisten.

Die durchschnittliche Ausprägung der empfundenen Belastung zeigt sehr deutlich, dass sich dieses Belastungserleben hauptsächlich im Bereich der Fülle an Aufgaben im Unterricht bewegt, welche bis in den privaten Bereich hinein gehen. Erschwert scheint die Situation durch die starke Geräuschkulisse, schülerbedingte Verhaltensauffälligkeiten und bauliche Mängel. Dies deutet auf verschiedene bauliche und pädagogische Gestaltungsmaßnahmen hin. Da die Zusammenarbeit bzw. Beziehung zu Kollegen, Schulleitung und Eltern kein auffälliges Belastungserleben zeigen, sind für diese Gestaltungsmaßnahmen zumindest gute interaktive Voraussetzungen vorhanden.

Korrelationen

Die Korrelationstabellen zum Thema Belastungserleben im Anhang zeigen, dass das Belastungsempfinden einzelner Beanspruchungsbedingungen häufig auch mit Korrelationskoeffizienten zw. r.40 – r=. 68 mit anderen Belastungsbedingungen positiv korrelieren.

In Bezug zu den AVEM-Typen gibt es besonders folgende. nennenswerte Zusammenhänge, die jedoch nur bei den Typen B und G gefunden wurden:

Zwischen Typ G

  • und dem Erleben der eigenen Lehrertätigkeit als belastend r= -,48.
  • und der Belastung durch die Stundenzahl r= -,44
  • und der Belastung durch Koordinierung privater und beruflicher Pflichten r= -,49
  • und der Belastung durch Vertretungsstunden r= - ,49
    und der Belastung durch berufliches Image und Prestige r= - ,49

Zwischen B

  • und dem Erleben der eigenen Lehrertätigkeit als belastend r= ,49.
  • und der Belastung durch Vertretungsstunden r= ,58
  • und der Belastung durch Verteilung der Stunden r= ,40
  • und der Belastung durch berufliches Image und Prestige r= ,54

Die Gegenüberstellung zeigt, dass der Risikotyp B deutlich positive Zusammenhänge zu verschiedenen Belastungsarten zeigt, der Typ G dagegen deutlich negative. Das heißt, 43 % der Lehrkräfte zeigen höhere positive Zusammenhänge zum Belastungserleben von Beanspruchungsbedingungen im Schulalltag, die außer der Lehrertätigkeit selbst im Kollegium eher als unterdurchschnittlich belastend empfunden werden. In diesen Fällen sind optimierende Veränderungen daher hauptsächlich auf einer individuellen persönlichen Ebene anzusetzen.

Interessant ist dagegen, dass die im Durchschnitt vom Kollegium als sehr stark belastend empfundenen Arbeitsbedingungen kaum höhere AVEM-Typ bedeutsame Korrelationen aufweisen.

In diesen Bereichen ist also eher auf der Ebene der vorhandenen Arbeitsbedingungen gestaltend anzusetzen. Mögliche Hinweise auf nötige Maßnahmen sind zum Beispiel die mittlere negative Korrelation zw. empfundener Belastung durch den Lärm und dem Vorhandensein räumlicher Erholungsmöglichkeiten in der Pause von r= -,49 bzw. die stärkere negative Korrelation zw. empfundener Belastung durch das Verhalten schwieriger Schüler und der erlebten Entscheidungsfreiheit von r= -, 52.

Bedeutende geschlechtsrelevante Korrelationen mit dem Belastungserleben bzw. Bewältigungsverhalten waren nicht festzustellen.
Mittlere Zusammenhänge wurden dagegen im Bereich des Alters und Dienstalters gefunden:

zwischen Alter

  • und Belastung durch Fortbildung außerhalb der Dienstzeit r= ,43

zwischen Dienstjahren

  • und Belastung durch Fortbildung außerhalb der Dienstzeit r= ,42
  • und Belastung durch Lärm r= ,47
  • und Belastung durch Beziehung zum Schulleiter r= - ,41

Gerade in Bezug zur empfundenen Lärmbelastung ist der Zusammenhang zum Dienstalter von besonderer Bedeutung, da das Kollegium einen recht hohen Altersdurchschnitt besitzt.

Fazit

Zusammenfassend ist festzustellen, dass es sowohl auf persönlicher Ebene durch veränderten Umgang mit Arbeitsanforderungen als auch auf der Ebene der konkreten Arbeits- und Organisationsbedingungen durch z.B. räumliche und pädagogische Verbesserungsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit der Schulleitung und den Eltern optimierenden gesundheitsrelevanten Handlungsbedarf und –raum gibt.

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